Vor 75 Jahren: Die Polen-Erlasse

Am 8. März 1940 gab das Reichssicherheitshauptamt die sogenannten Polen-Erlasse heraus. Am 12. März 2015 informiert eine Veranstaltung über dieses zentrale Instrument nationalsozialistischer Ausgrenzungs- und Ausbeutungspolitik. Dabei wird ein neues Hörstück mit Berichten ehemaliger Zwangsarbeiter aus dem Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“ präsentiert.

News vom 04.03.2015

Die Erlasse

Heinrich Himmlers Polen-Erlasse vom 8. März 1940 schufen ein rassistisches Sonderrecht für Millionen von polnischen Zwangsarbeitern. Sie mussten besondere Abzeichen tragen, zahlreiche Schikanen und eine brutale Gestapo-Kontrolle erdulden. Die Kennzeichnungspflicht durch den Buchstaben „P“ an der Kleidung – eine erste sichtbare Stigmatisierung von Menschen im nationalsozialistischen Deutschland – diente der Ausgrenzung der Polen aus der sog. „Volksgemeinschaft“. Polnische Zwangsarbeiter durften grundsätzlich keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, weder Kirchen noch Gaststätten besuchen, nicht fotografieren oder Fahrrad fahren. Private Kontakte mit Deutschen führten nicht selten zu KZ-Haft oder gar Todesstrafe.

Die Polen-Erlasse waren ein zentrales Instrument der nationalsozialistischen Bürokratie, um rassistische Ausgrenzung und ökonomische Ausbeutung miteinander in Einklang zu bringen. Dem Vorbild des P-Abzeichens folgte 1941 der Judenstern und 1942 das für sowjetische Zwangsarbeiter vorgeschriebene OST-Abzeichen. In der öffentlichen Erinnerung sind die Erlasse heute kaum präsent.

Die Veranstaltung

75 Jahre danach laden wir Sie ein zu einer Veranstaltung am

Donnerstag, 12. März 2015, 19:00 Uhr, im
Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften,

Majakowskiring 47, 13156 Berlin (S2 / U2 Pankow, dann Tram M1 bis Bürgerpark).

Die Historikerin Katarzyna Woniak führt in den historischen Kontext und die juristische Praxis der Polen-Erlasse ein. Die Publizistin Ewa Czerwiakowski und der Historiker Cord Pagenstecher präsentieren die Erinnerungsberichte polnischer Zwangsarbeiter in einem Hörstück mit Ausschnitten aus dem an der Freien Universität Berlin angesiedelten Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“ und der von der Berliner Geschichtswerkstatt erstellten Zeitzeugen-App. Der Historiker Kurt Schilde berichtet über die „Sozialausgleichsabgabe“ und die Biographie eines der an den Erlassen beteiligten Finanzbürokraten.

Die Veranstaltung wird organisiert von der Freien Universität Berlin/Center für Digitale Systeme und der Polnischen Akademie der Wissenschaften/Zentrum für Historische Forschung Berlin in Kooperation mit der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. und der Stiftung Topographie des Terrors/Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Journalist/innen, Wissenschaftler/innen und andere am Thema Interessierte sind herzlich willkommen. Eintritt frei; Anmeldung nicht erforderlich.

Programm

  • Begrüßung
    Prof. Dr. Robert Traba, Dr. Christine Glauning, Dr. Cord Pagenstecher
  • Die Polen-Erlasse. Historischer Kontext und juristische Praxis
    Dr. Katarzyna Woniak, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften
  • Mit dem Abzeichen „P“. Erinnerungsberichte polnischer Zwangsarbeiter, präsentiert von Ewa Czerwiakowski, Berliner Geschichtswerkstatt, und Dr. Cord Pagenstecher, Freie Universität Berlin
  • „Sozialausgleichsabgabe“. Die Sondersteuer für Polen und die Nachkriegskarriere ihres Kommentators
    Dr. Kurt Schilde, Historiker und Nationalsozialismus-Experte
  • Diskussion

Hörstück zu den Polen-Erlassen

Im Audio-Themenclip erzählen eine Zeitzeugin und zwei Zeitzeugen, wie sich die Polen-Erlasse auf ihr Leben als polnische Zwangsarbeiter auswirkten. Kazimierz B. arbeitete in der Henschel-Flugzeugfabrik in Berlin, Janina Halina G. bei der AEG in Hennigsdorf, Karol S. in einer Gärtnerei in Oberschlesien.

Vollständig abrufbar sind die drei Interviews und knapp 600 weitere Zeitzeugen-Berichte in dem am Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin angesiedelten Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945". Unter www.zwangsarbeit-archiv.de stehen neben den Audio- und Video-Interviews auch Übersetzungen, Inhaltsverzeichnisse und Kurzbiografien bereit. Sie werden ergänzt durch Lernmaterialien, eine Literaturdatenbank, Themenclips und Expertengespräche.

Links

Informationen

Freie Universität Berlin
Center für Digitale Systeme (CeDiS)
Dr. Cord Pagenstecher
Telefon: +49 (0)30 / 838 53673
E-Mail: cord.pagenstecher@cedis.fu-berlin.de