8. September 1943: Die italienischen Militärinternierten

Am 8. September 1943 schloss Deutschlands ehemaliger Verbündeter Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten. Darauf hin deportierte die Wehrmacht Hunderttausende italienische Soldaten als "Italienische Militärinternierte" (IMI) zur Arbeit nach Deutschland. Drei Zeitzeugen berichten von ihrer Gefangennahme, dem Transport nach Deutschland und dem Leben im Kriegsgefangenenlager.

8. September 1943: Die Italienischen Militärinternierten. Ausschnitte aus den Video-Interviews mit italienischen Zwangsarbeitern Donato E., Claudio S. und Alessandro F., Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", Dauer 8:44 Minuten, Schnitt: Sara Vock, Alexandra Neumann, Tobias Kilgus, © Freie Universität Berlin 2013

8. September 1943: Die Italienischen Militärinternierten

Im Juli 1943 wurde Benito Mussolini, der faschistische Diktator Italiens und Verbündete Hitlers, gestürzt. Am 8. September 1943 schloss die neue italienische Regierung einen Waffenstillstand mit den Westalliierten. Daraufhin besetzte die deutsche Wehrmacht das Land, entwaffnete die italienischen Streitkräfte und verschleppte rund 600 000 italienische Soldaten zur Zwangsarbeit ins Reich und in die okkupierten Gebiete.

Als "Militärinternierten" wurde ihnen der für Kriegsgefangene geltende internationale Schutz verweigert. Die deutsche Bevölkerung beschimpfte die ehemaligen Verbündeten als Verräter und – in Anspielung auf den neuen italienischen Regierungschef Badoglio – als "Badoglio-Schweine". In den Lagern und Gefängnissen wurden sie oft besonders schlecht behandelt. Rund 40 000 Italienische Militärinternierte (IMI) kamen während der Gefangenschaft durch Gewalt, Hunger und Kälte ums Leben.

Das von den Deutschen wieder eingesetzte Mussolini-Regime warb unter den Internierten dafür, an deutscher Seite weiter zu kämpfen. Dafür entschied sich allerdings nur ein Viertel der IMI; drei Viertel blieben in den Lagern. Viele Offiziere verweigerten mit Berufung auf die Genfer Konventionen den Arbeitseinsatz.

Im Herbst 1944 wurden die italienischen Soldaten, bis Januar 1945 auch die Offiziere, in den Zivilstatus überführt, um sie als 'zivile' Zwangsarbeiter effektiver in der Rüstungsindustrie einsetzen zu können. Die Bundesregierung erklärte diesen Statuswechsel 2001 für völkerrechtlich unwirksam. So galten die Überlebenden weiterhin als Kriegsgefangene und blieben, wie alle Kriegsgefangenen, von einer Entschädigung ausgeschlossen.

Biografische Daten

Donato E.

  • 1921: geboren in Castello di Cisterna (Kampanien)

  • 1941: erster Wehrdienst und Offiziersausbildung in Ravenna, Leutnant in Trento und Limone Piemonte

  • 1943: Ankunft im Stalag VI C/Z Neu-Versen in Meppen (Niedersachsen). Wenig später Verlegung ins Stalag 366/Z Biała Podlaska

  • 1944: Deportation ins Stalag X B Sandbostel (Niedersachsen) wegen seiner Weigerung, die Italienische Sozialrepublik Mussolinis zu unterstützen. Ende des Jahres Deportation ins Oflag 83 Wietzendorf

  • 1945: am 16. April Befreiung durch die Alliierten, im September Ankunft im Heimatort Marigliano

  • Beendigung des Studiums der Kolonialwissenschaften, Anstellung im Vormundschaftsgericht, Arbeit bis zur Rente 1986

  • Mitglied im Veteranenverband ANEI in Mailand

  • Interview za120»

  • Dauer:3:51 Stunden, Datum: 21.11., 30.11. und 10.12.2005, Sprache: Italienisch

Claudio S.

  • 1920: geboren in Genua in eine wohlhabende italienisch-französische Familie

  • 1939: Studium der Geologie

  • 1943: Leutnant der königlichen italienischen Armee unter Marschall Badoglio. Nach dem Sturz Mussolinis am 25.7. und der deutschen Besetzung Italiens am 8.9.1943 von deutschen Truppen gefangen genommen.

  • 1943: bis 1945 Kriegsgefangenschaft in Deutschland und dem besetzten Polen, u. a. in den Lagern Sandbostel, Tschenstochau, Chelm, Deblin, Oberlangen, Duisdorf, Köln, Forellenkrug und Wietzendorf. Verweigerung der Anwerbung zu faschistischen Truppen.

  • 1944: Straflager und Zwangsarbeit bei der Fallschirmfabrik Glanzstoff & Courtaulds in Köln, Krankenhausaufenthalt

  • 1945: am 22. April in Wietzendorf / Niedersachsen befreit, im August Rückkehr nach Italien, Fortsetzung des Studiums der Geologie

  • 1950: als Geologe für die Ölfirma AGIP im In- und Ausland tätig

  • 1980: Rente

  • Langjähriges Engagement für die Entschädigung, Publikationen zur Erinnerung an die Italienischen Militärinternierten

  • Gestorben am 4. November 2012

Alessandro F.

  • 1920 geboren in Greco Milanese

  • 1941: Einzug zum Wehrdienst, nach der Grundausbildung Versetzung an die griechische Front (Andros)

  • 1943: im Dezember Festnahme durch griechische Militärkollaborateure und Deportation nach Athen

  • 1944: im Februar Transport in das Reservelazarett in Zeithain, nach 45 Tagen Versetzung nach Mühlberg. Ab September Zwangsarbeit in Döbeln in einer Zuckerfabrik und einer Waffenfabrik.

  • 1945: im Januar Deportation in das Straflager Reichenberg (heute: Liberec, Tschechien) aufgrund der gelegentlichen Arbeitsverweigerung. Transport in das Sammellager für Kriegsgefangene Rawicz und Breslau (heute: Wrocław, Polen), dann in das Lager von Oels (Oleśnica, Polen).

  • Im Oktober Ankunft in Italien, Arbeit bei der ECA (Beratungsstelle der Gemeinde), dort Spezialisierung zum Sozialarbeiter

  • Interview za121 »

  • Dauer: 4:34 Stunden, Datum: 23.11., 30.11. und 07.12.2005, Sprache: Italienisch