Ehemalige NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bewerten die Entschädigungszahlungen

Zwischen 2001 und 2007 zahlte die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) mithilfe von sieben Partnerorganisationen über 1,6 Millionen Überlebenden der NS-Zwangsarbeit in 89 Ländern rund 4,6 Milliarden Euro aus.

Im folgenden Video erzählen sechs Personen, die Zwangsarbeit leisten mussten, wie sie die Entschädigungszahlungen bewerten.

Beneficiaries Assess Compensation Payments. Ausschnitte aus den Interviews mit Libuše H., Elling K., Józef Bolesław S., Halyna H., Janina Halina G. und Wladimir Parfirjewitsch S., Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“, Dauer 6:00 Minuten, Konzept und Schnitt: Peter Kompiel, Matthias Krause und Doris Tausendfreund, © Freie Universität Berlin 2017

Die Entschädigungszahlungen – Hintergrund und Bewertung durch die Opfer

Entschädigungen erhielten insbesondere ehemalige KZ-Häftlinge und an deportierte mittel- und osteuropäische Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeiter. Über 1,6 Millionen Überlebende erhielten einmalige Zahlungen, die je nach Herkunftsland und Schwere der Lagerbedingungen differierten.

KZ- und Ghetto-Häftlinge erhielten den Maximalbetrag von 7.669 Euro (Kategorie A), Inhaftierte in Arbeitserziehungslagern und sogenannten "anderen Haftstätten“ bekamen zwischen 3.068 und 7.669 Euro, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Industrie in der Regel 2.556 Euro (Kategorie B).

Die Partnerorganisationen konnten dank einer Öffnungsklausel im Rahmen ihrer finanziellen Mittel weitere Opfergruppen berücksichtigen. So erhielten u. a. in der Landwirtschaft Eingesetzte und Kinderhäftlinge zwischen 536 und 2.235 Euro. Nur wenn die Betroffenen nach 1999 verstorben waren, hatten die Angehörigen Anspruch auf die Leistung. Gesonderte Zahlungen für Versicherungs-, Vermögens- und "sonstige Personenschäden“ wurden zum Teil aus den weiteren Mitteln der Stiftung geleistet.

Die Meinungen der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu den Auszahlungen gehen weit auseinander. Während einige von ihnen in Anbetracht der erlittenen Leiden von „Almosen“ sprechen, verweisen andere auf die symbolische Bedeutung der finanziellen Wiedergutmachung.

Zehn Jahre nach dem Abschluss der Entschädigungszahlungen hat die Stiftung EVZ das Buch „The German Compensation Program for Forced Labor: Practice and Experiences“ veröffentlicht. Die Publikation liefert einen detaillierten Einblick in die einzelnen Stufen des Entschädigungsprogramms aus der Perspektive der beteiligten Personen. Die Publikation ist auf der Seite der Stiftung zum freien Download verfügbar:

Biografische Daten

Libuše H.

  • geboren 1924 in Kyškovice (Tschechoslowakei)
  • bis 1941: Besuch der Gemeindeschule in Vetlé, Bürgerschule in Roudnice nad Labem und zweijährige Handelsschule in Budyni nad Ohří
  • 1941-1944: Angestellte im Anwaltsbüro in Roudnice
  • Anfang 1944 Verschleppung zur Zwangsarbeit bei der Firma Drehmechanik nach Hohen Neuendorf bei Berlin
  • Dezember 1944 Rückkehr ins Protektorat
  • Anfang 1945 bis Mai 1945 Zwangsarbeit in der Fabrik Avia Letňany in Prag
  • ab 1947 Arbeit in einer Porzellanfabrik in Karlovy Vary
  • seit 1956 wohnte sie mit ihrem Ehemann in České Budějovice

Elling K.

  • geboren 1918 in Luster in Sogn
  • ab 1938 Medizinstudium an der Universität in Oslo
  • 1943 Verhaftung und Transport in ein Sonderlager des KZ Buchenwald
  • dort bis Oktober 1944 Krankenpfleger und Assistenzarzt
  • zwischen Oktober 1944 und März 1945 in Sennheim, Burckheim, wieder Buchenwald und Neuengamme bei zunehmend herabwürdigender Zwangsarbeit
  • am 20. März Flucht nach Schweden und am 24. Mai Rückkehr nach Oslo
  • nach Kriegsende: Fortsetzung des Medizinstudiums, dreijähriges Forschungsstipendium in den USA und Arbeit als Professor für Neurochemie in Norwegen

Józef Bolesław S.

  • geboren 1933 in Dąbrówka
  • 1943 Ermordung beider Eltern in ihrem Haus in Wierzchowiska
  • 1943 Zwangsarbeit in der Landwirtschaft mit einem Onkel als Stalljunge in Guhlau
  • 1945 Befreiung und Rückkehr nach Polen
  • Beendigung der Schulbildung und Medizinstudium bei der polnischen Armee
  • ab Ende der 1980er Jahre: Engagement im Verband der durch das Dritte Reich geschädigten Polen

Halyna J.

  • geboren 1927 unweit der Stadt Browary
  • bis 1941 Abschluss der 7. Klasse der Hauptschule in Browary
  • 1943 Verschleppung zur Zwangsarbeit als Stubenmädchen auf einem Landgut in der Nähe von Dresden
  • 1945 Befreiung und Rückkehr in die Heimat
  • 1956-1982 Arbeit als Buchhalterin in der Kulturabteilung der Kreisverwaltung
  • ab 1996: Aktives Mitglied der Ukrainischen Autokratischen Orthodoxen Kirche

Janina Halina G.

  • geboren 1926 in Łódź (Polen)
  • bis 1939 Besuch der Volksschule und Aufnahmeprüfung für das Handelsgymnasium
  • 1941 bis 1943 Arbeit als Minderjährige in Łódź
  • 1943-1945: Verschleppung und Arbeit in einem Rüstungsbetrieb der AEG in Hennigsdorf bei Berlin
  • 1945 vorläufige Verhaftung wegen Hilfe für KZ-Häftlinge
  • April 1945 Befreiung und Heimkehr
  • Studium und Arbeit als Geschäftsführerin
  • 1987 bis 1993 Tätigkeit im Verein der durch das Dritte Reich geschädigten Polen
  • 1995 Besuch in Berlin und Hennigsdorf
  • 2014 gestorben in Łódź
  • Interview za255
  • Dauer 4:16 h, Datum: 16.6.2005, 29.8.2005, Sprache: Polnisch

Wladimir Parfirjewitsch S.

  • geboren 1927 in Bolshoe Babino
  • 1935-1941: Schule mit Abschluss der 6. Klasse
  • Ab 1943: Zwangsarbeit in Orechi, Witebsk und Torfdorf
  • 1944 Flucht und Rückkehr ins Heimatdorf u
  • 1944-1949 Militärdienst in Weißrussland
  • 1951 Abschluss des Studiums in der Militärschule
  • 1958-1963 Ingenieursstudium in Minsk
  • Zwischen 1963 und 1987: Arbeit als Bauleiter und Ingenieur in Minsk und der Mongolei
  • Nach 1991: Leiter der Belarussischen Gesellschaftlichen Vereinigung der ehemaligen Häftlinge des Faschismus „Ljos“